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Qualitätsmerkmale nach ISO 25010 sortiert

Von ISO 9126 bis ISO 25010 und ISO 25059

Grafik: Zeitachse der Qualitätsmodelle. 1991 ISO/IEC 9126 mit 6 Merkmalen, 1994 als DIN 66272 übernommen, zurückgezogen. 2001 ISO/IEC 9126-1 mit Teilmerkmalen und einem Modell für die Qualität im Gebrauch, zurückgezogen. März 2011 ISO/IEC 25010:2011 mit 8 Merkmalen, abgelöst. November 2023 ISO/IEC 25010:2023 mit 9 Merkmalen, neu ist Safety, aktuell. Davon zweigen ab: ISO/IEC 25019:2023 für die Qualität im Gebrauch und ISO/IEC 25059, die das Modell seit 2023 für KI-Systeme ergänzt. Grafik: Zeitachse der Qualitätsmodelle. 1991 ISO/IEC 9126 mit 6 Merkmalen, 1994 als DIN 66272 übernommen, zurückgezogen. 2001 ISO/IEC 9126-1 mit Teilmerkmalen und einem Modell für die Qualität im Gebrauch, zurückgezogen. März 2011 ISO/IEC 25010:2011 mit 8 Merkmalen, abgelöst. November 2023 ISO/IEC 25010:2023 mit 9 Merkmalen, neu ist Safety, aktuell. Davon zweigen ab: ISO/IEC 25019:2023 für die Qualität im Gebrauch und ISO/IEC 25059, die das Modell seit 2023 für KI-Systeme ergänzt.
ISO 9126, ISO 25010 und ISO 25059: die Ahnenreihe, Stand Oktober 2026. Das Bild wurde mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt.
KURZ GESAGT
  • Die ISO/IEC 9126 ist seit 2011 durch die ISO/IEC 25010 abgelöst.
  • Aktuell gilt die Ausgabe vom November 2023 mit neun Qualitätsmerkmalen, neu ist Safety (Betriebssicherheit).
  • Die ISO/IEC 25059 ergänzt das Modell um Teilmerkmale für KI-Systeme.
  • Dazu: warum es im Deutschen zweimal „Sicherheit“ gibt und welche deutschen Begriffe ich empfehle.

Als Testmanager bei der TestGilde sehe ich in vielen Kundenprojekten noch die ISO 9126 in den Templates: Funktionalität, Zuverlässigkeit, Benutzbarkeit, Effizienz, Änderbarkeit, Übertragbarkeit. Die Norm hat sich dort offenbar gut eingelebt, ist aber seit 2011 zurückgezogen. Wer damit heute Qualitätsanforderungen gliedert, hinkt zwei Normgenerationen hinterher und übersieht ausgerechnet das Merkmal, das 2023 neu dazukam.

In der Kaffeeküche ist das Thema ein Dauerbrenner, weil es über die Jahre so viele Normen und Begriffe gab. Zeit, aufzuräumen.

ISO 9126, ISO 25010 und ISO 25059: die Ahnenreihe

Die Grafik oben zeigt die Ahnenreihe auf einen Blick, hier die Stationen im Einzelnen:

  • 1991, ISO/IEC 9126: sechs Qualitätsmerkmale, 1994 als DIN 66272 ins Deutsche übernommen.
  • 2001, ISO/IEC 9126-1: Qualitätsmodell mit Teilmerkmalen und einem Modell für die Qualität im Gebrauch (Quality in use).
  • März 2011, ISO/IEC 25010:2011: ersetzt die 9126-1, acht Merkmale im Produktqualitätsmodell.
  • November 2023, ISO/IEC 25010:2023: neun Merkmale, die Qualität im Gebrauch zieht in die eigene ISO/IEC 25019 um.
  • Abzweig für KI, ISO/IEC 25059: erweitert das Modell seit 2023 für KI-Systeme, ersetzt es aber nicht. Die zweite Ausgabe liegt (Stand Oktober 2026) als Final Draft vor.

Qualitätsmerkmale im Vergleich: ISO 9126 und ISO 25010

Wische seitlich, um alle Spalten zu sehen.

ISO/IEC 9126 (1991/2001) ISO/IEC 25010:2011 ISO/IEC 25010:2023
Funktionalität (functionality) Funktionale Eignung (functional suitability) Funktionale Eignung (functional suitability)
Effizienz (efficiency) Leistungseffizienz (performance efficiency) Leistungsfähigkeit (performance efficiency)
kein Hauptmerkmal Kompatibilität (compatibility) Kompatibilität (compatibility)
Benutzbarkeit (usability) Benutzbarkeit (usability) Interaktionsfähigkeit (interaction capability)
Zuverlässigkeit (reliability) Zuverlässigkeit (reliability) Zuverlässigkeit (reliability)
kein Hauptmerkmal Sicherheit (security) Sicherheit (security)
Änderbarkeit (maintainability) Wartbarkeit (maintainability) Instandhaltbarkeit (maintainability)
Übertragbarkeit (portability) Übertragbarkeit (portability) Flexibilität (flexibility)
kein Hauptmerkmal kein Hauptmerkmal Sicherheit (safety)
Hauptmerkmale je Ausgabe. Ein Strich heißt: in dieser Ausgabe kein Hauptmerkmal.

Die deutschen Begriffe für 2023 habe ich aus dem deutsch-englischen Entwurf der ISO 25059 übernommen, für 2011 verwende ich die gängigen Übersetzungen, für die 9126 die der DIN 66272.

Aus Teilmerkmalen werden Hauptmerkmale

Mit der 25010:2011 wurden aus Teilmerkmalen Hauptmerkmale: Security war in der 9126 noch ein Teil der Funktionalität, die Kompatibilität entstand aus der Interoperabilität (vorher Funktionalität) und der Koexistenz (vorher Übertragbarkeit). Die Compliance-Teilmerkmale flogen dagegen raus, denn die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften gehört laut Norm zu den Systemanforderungen, nicht zur Produktqualität.

Safety (Betriebssicherheit): neu und doch nicht ganz

Safety kam 2023 als neuntes Hauptmerkmal hinzu: Ein Produkt soll unter definierten Bedingungen Menschen, Sachwerte und Umwelt nicht in Gefahr bringen. Die Teilmerkmale reichen von der Risikoidentifizierung bis zum Fail-safe, für das die Norm eine Ampel als Beispiel nimmt, die bei einer Störung in einen sicheren Blinkmodus wechselt.

Ganz neu ist der Begriff trotzdem nicht. Schon die 9126-1 kannte Safety als Merkmal der Qualität im Gebrauch, die 25010:2011 benannte es dort in Freedom from risk um. Neu ist, dass Safety jetzt eine Eigenschaft des Produkts selbst ist und nicht nur eine Folge seiner Nutzung.

Usability und Übertragbarkeit: umbenannt, nicht verschwunden

2023 wurde aus Usability die Interaktionsfähigkeit (interaction capability) und aus Übertragbarkeit (portability) die Flexibilität (flexibility). Usability selbst lebt im Modell für die Qualität im Gebrauch der ISO/IEC 25019 weiter, die Interaktionsfähigkeit ist laut 25010:2023 ihre Voraussetzung. Neue Teilmerkmale sind unter anderem Inklusivität, Resistenz und Skalierbarkeit.

Zweimal Sicherheit: Security und Safety

Im Englischen ist die Sache klar: Security schützt Informationen und Daten vor unbefugtem Zugriff und Angriffen, Safety schützt Menschen und Umwelt. Auf Deutsch heißt beides Sicherheit.

Die ISO/IEC 25010:2023 lag mir bei der Erstellung des Artikels nur in Englisch vor, die ISO/IEC 25059 dagegen in Englisch und Deutsch, als Normentwurf E DIN EN ISO/IEC 25059:2026-01. Dort sind auch die Qualitätsmerkmale der 25010 auf Deutsch aufgeführt, und in der Merkmalstabelle heißt es tatsächlich zweimal „Sicherheit“.

Unscharf ist also nicht die Norm, sondern die Übersetzung. Ich unterscheide deshalb konsequent: Informationssicherheit für Security, Betriebssicherheit für Safety.

Was macht jetzt die ISO 25059?

Laut dem Entwurf der zweiten Ausgabe, der mir vorlag, übernimmt die ISO/IEC 25059 die neun Hauptmerkmale unverändert und ergänzt sie um KI-spezifische Teilmerkmale, etwa Robustheit, Transparenz und Benutzerkontrollierbarkeit. Der Grund: KI-Systeme arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten, hängen an ihren Daten und können ihr Verhalten im Betrieb verändern. Neu in der zweiten Ausgabe sind unter anderem die ökologische Nachhaltigkeit und ein eigenes Qualitätsmodell für KI-Dienstleistungen. Mehr dazu steht in unserem Artikel im SQ-Magazin zu KI-Teststrategien.

Begriffe, die keine Hauptmerkmale (mehr) sind

Einige Begriffe tauchen in Templates und Diskussionen immer wieder als Qualitätsmerkmal auf, sind in der ISO 25010 aber keine Hauptmerkmale oder nicht mehr:

  • Performanz: umgangssprachlich für Leistungsfähigkeit. Das Merkmal heißt nicht einfach Performanz, weil auch der sparsame Umgang mit Ressourcen dazugehört. Performanztests sind eine Testart, kein Merkmal.
  • Funktionalität und Effizienz: 2011 bewusst ersetzt, Funktionalität wegen ihrer vielen Nebenbedeutungen, Effizienz wegen der Kollision mit dem Effizienzbegriff der ISO/IEC 25062.
  • Robustheit: gibt es nur in der KI-Erweiterung. In der 25010 deckt die Fehlertoleranz einen Teil davon ab.
  • Testbarkeit, Skalierbarkeit, Verfügbarkeit: wichtige Teilmerkmale, aber keine Hauptmerkmale.
  • Barrierefreiheit: 2011 ein Teilmerkmal, seit 2023 aufgeteilt in Inklusivität und „Unterstützung des Benutzers“.
  • Verlässlichkeit: ein eigenes Konzept, das die ISO 25010 nur beispielhaft auf ihr Modell abbildet.
  • Datenqualität: hat mit der ISO/IEC 25012 ein eigenes Modell.

Meine Empfehlung für deutsche Begriffe

Für Templates, Teststrategien und Qualitätsanforderungen empfehle ich folgende deutsche Begriffe für die neun Qualitätsmerkmale. Die englischen Originalbegriffe aus der ISO/IEC 25010:2023 stehen in Klammern dahinter:

  1. Funktionale Eignung (functional suitability): Erfüllung der festgelegten funktionalen Anforderungen.
  2. Leistungsfähigkeit (performance efficiency): Reaktionszeiten, Ressourcenverbrauch und Verhalten unter Last.
  3. Kompatibilität (compatibility): Zusammenspiel mit anderen Systemen und Betrieb in einer gemeinsamen Umgebung.
  4. Interaktionsfähigkeit (interaction capability): Intuitive Bedienbarkeit, auch für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen.
  5. Zuverlässigkeit (reliability): Betrieb über einen festgelegten Zeitraum ohne Ausfälle oder Fehler, Stichwort 24/7.
  6. Informationssicherheit (security): Schutz vor unbefugtem Zugriff, Datenmanipulation und Cyberangriffen.
  7. Wartbarkeit (maintainability): Einfaches Ändern und Aktualisieren der Software.
  8. Flexibilität (flexibility): Einsatz auf verschiedenen Plattformen und in verschiedenen Umgebungen, inklusive Installierbarkeit, Anpassbarkeit und Skalierbarkeit.
  9. Betriebssicherheit (safety): Sichere Funktion auch bei Fehlern oder unerwarteten Betriebsbedingungen, etwa bei selbstfahrenden Autos, in Flugzeugen oder bei Medizinprodukten.

Vom Normentwurf weiche ich an drei Stellen bewusst ab. Statt zweimal Sicherheit schreibe ich Informationssicherheit und Betriebssicherheit. Und statt Instandhaltbarkeit nehme ich Wartbarkeit, weil sich das in der Praxis etabliert hat. Für KI-Systeme kommen die Teilmerkmale der ISO/IEC 25059 dazu.

Und noch ein Punkt: Nicht jedes Merkmal zählt in jedem Projekt gleich viel, die Prioritäten hängen laut Norm vom Nutzungskontext ab. Die neun Merkmale sind eine Checkliste, damit nichts vergessen wird, keine Pflicht, alle gleich tief zu testen.

FUN FACT

Der ISTQB-Lehrplan Foundation Level v4.0.2 aus dem Jahr 2025 schreibt in Kapitel 2.2.2:

„Die Norm ISO/IEC 25010 bietet die folgende Klassifizierung der nicht-funktionalen Qualitätsmerkmale:

  • Performanz
  • Kompatibilität
  • Gebrauchstauglichkeit (auch bekannt als Interaktionsfähigkeit)
  • Zuverlässigkeit
  • Sicherheit (Security)
  • Wartbarkeit
  • Übertragbarkeit (auch bekannt als Flexibilität)
  • Sicherheit (Safety)“

Für das frühere Usability gibt es damit schon drei deutsche Begriffe: Benutzbarkeit, Interaktionsfähigkeit und Gebrauchstauglichkeit. Übertragbarkeit (portability) ist der Name aus der 25010:2011. Beim Wechsel zur Version 25010:2023 wurde das Merkmal in Flexibilität (flexibility) umbenannt. Und auch hier heißt es zweimal Sicherheit, immerhin mit dem englischen Begriff in Klammern.

Fazit

Die ISO 9126 sollte nach 15 Jahren langsam endgültig aus den Vorlagen verschwinden. Wichtiger ist mir aber die Klarheit der deutschen Begriffe: Zwischen Norm, Normentwurf, Lehrplan und Praxis heißt dasselbe Merkmal oft anders, und Sicherheit steht gleich zweimal da. Da nehme ich mich selbst nicht aus: Auch ich habe die Qualitätsmerkmale immer wieder anders formuliert und benannt. In Zukunft versuche ich, das einheitlich zu machen, mit den Begriffen aus meiner Empfehlung. Gespannt bin ich, ob es auch bei den Normen irgendwann mehr Einigkeit geben wird. Stoff für die Kaffeeküche bleibt jedenfalls genug.

DER AUTOR

Matthias Groß ist Testmanager und Partner der TestGilde GmbH in Esslingen bei Stuttgart und arbeitet seit 2007 in der Softwarequalitätssicherung. Er hat von 2008 bis 2022 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gelehrt und betreut dort seit 2015 Projekt- und Bachelorarbeiten. Er ist Mitgründer der Testcommunity TestLänd und Mitglied im Programmkomitee des Software-QS-Tag. Am meisten lernt er im Austausch mit anderen, deshalb liegt ihm die Community so am Herzen.